Abschied von Ernesto Bergantini-Diolaiuti

Mit Ernesto Bergantini verliert die Schweizer Farbwelt eine ihrer prägendsten Persönlichkeiten. Der Verein pro colore nimmt Abschied von einem langjährigen Vorstandsmitglied, ehemaligen Präsidenten, Mentor und Freund, der die Wahrnehmung und Vermittlung von Farbe in der Schweiz über Jahrzehnte massgeblich mitgestaltet hat.
Vom Textildesign zur Farbgestaltung
Aufgewachsen im Toggenburg, startete Ernesto nach Abschluss seiner Ausbildung eine erfolgreiche Karriere als Textildesigner. Seine Reisen zu internationalen Kunden schärften seinen Blick für Ästhetik, bevor er sich mit seiner Frau Armida in St.Gallen niederliess und sein eigenes Atelier gründete.
Neben dem Textildesign galt seine grosse Leidenschaft immer einem ganz besonderen Element der Gestaltung: der Farbe. Zuerst als Fachlehrer der Lernenden im Textildesign, zunehmend in der Erwachsenenbildung mit Vorträgen und Seminaren, und später als Dozent an der STF (Schweizerische Textilfachschule) gab er dieses Wissen an Generationen von Gestaltern weiter. Er war kein belehrender Dozent, sondern ein Vermittler auf Augenhöhe – wertschätzend, interessiert und stets neugierig auf das Gegenüber. Viele von uns, die bei ihm Textildesign, Farbenlehre, Farbpsychologie und Farbgestaltung studierten, wurden durch seine feinsinnige Art nachhaltig geprägt.
Ein Pionier der Fachdidaktik
Ernesto erkannte früh das Bedürfnis nach einer fundierten Weiterbildung im Bereich Farbe. Er lancierte den erfolgreichen Lehrgang zur Farbdesignerin / zum Farbdesigner mit eidgenössischem Fachausweis an der STF und führte unzählige Absolventen zum Erfolg. Sein tiefes Wissen floss schliesslich in sein Werk „Farbe im Design“ ein – ein Fachbuch, das seine Überzeugung widerspiegelt: Farbe ist niemals beliebig, sondern ein präzises Werkzeug, dessen bewusster Einsatz die Qualität jeder Gestaltung steigert.
Netzwerker und Kulturvermittler
Für pro colore war Ernesto über viele Jahre eine tragende Säule. Als Präsident und Netzwerker verstand er es, Menschen zusammenzubringen und Fachdiskussionen in einem professionellen, aber herzlichen Rahmen zu fördern. Unter seinem Label „Point of Color“ organisierte er zusammen mit seiner Frau Armida unzählige legendäre Kulturreisen – ob auf den Spuren von Goethe und dem Bauhaus in Weimar, zu Henri Matisse nach Südfrankreich oder zu seinen geschätzten Meistern der Malerei und Architektur in Italien. Er war ein weltoffener, belesener Geist, der sich bis zuletzt auch für moderne Technologien wie KI begeisterte, diese aber stets kritisch mit seinem fundierten Wissen abglich.
Ein bleibendes Vermächtnis
Ernesto lehrte uns, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Wen er einmal mit seinem „Farb-Virus“ infiziert hatte, für den gibt es kein Zurück zu einer unreflektierten Wahrnehmung. Wir werden seine fachliche Beharrlichkeit, seine scharfe Auffassungsgabe und seinen feinen Humor sehr vermissen.
Und wir werden an ihn denken, wenn wir uns das nächste Mal mit einem Glas zu seinem geliebten Apéro treffen – für Ernesto die „wichtigste Mahlzeit des Tages“. Die Welt ist ohne ihn nicht unbunt geworden, aber wir haben eine ganz besondere, leuchtende Farbnuance verloren.
In dankbarer Erinnerung, für den Vorstand und die Mitglieder von pro colore
Ralf Studer
Einen weiteren persönlichen Nachruf von Eckhard Bendin finden Sie hier:
